Neulich erzählte mir eine Klientin, dass sie manchmal das Gefühl hat, ihr Kopf sei immer „einen halben Tag voraus“. Beim Frühstück denkt sie schon an das Meeting am Mittag. Im Meeting denkt sie an den Einkauf danach. Beim Einkaufen kreisen die Gedanken um das, was sie gestern hätte anders machen können.
„Und irgendwann“, sagte sie, „ist der Tag vorbei – und ich war nie wirklich da.“
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Der Kopf will Sicherheit – und findet sie nicht
Unser Denken ist großartig darin, Probleme zu analysieren, Szenarien zu entwerfen und uns auf mögliche Gefahren vorzubereiten. Das ist wichtig – aber wenn wir dauerhaft im „Voraus“ oder im
„Zurück“ sind, kann sich unser Nervensystem nie richtig entspannen.
Wir bleiben in einer Art Dauerbereitschaft, als müssten wir jederzeit reagieren. Und ironischerweise passiert genau das Gegenteil von dem, was wir eigentlich suchen: Sicherheit.
Denn Sicherheit entsteht nicht aus dem hundertsten Durchdenken einer Situation. Sicherheit entsteht, wenn wir merken: „Ich kann reagieren, wenn es soweit ist.“
Die Freiheit im Moment
Es liegt so viel Entlastung darin, den Moment zu spüren, statt ihn nur gedanklich zu durchlaufen. Nicht alles muss jetzt entschieden oder gelöst werden. Vieles darf warten, bis es tatsächlich dran ist. Der Moment selbst trägt oft mehr, als wir glauben – er ist wie ein Boden, auf den wir uns stellen können, statt auf den Zehenspitzen in die Zukunft zu greifen.
Aber warum ist das so schwer?
Wenn wir es gewohnt sind, alles im Voraus kontrollieren zu wollen, fühlt sich „einfach da sein“ manchmal unsicher an. Für manche von uns ist es sogar ungewohnt, wenn der Kopf mal stiller wird. Dann kann es helfen, nicht gleich nach „voller Achtsamkeit“ zu streben, sondern sich kleine Anker zu setzen.
Ein kleiner Anker ins Jetzt
Probiere es in einem ruhigen Moment oder mitten im Alltag:
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Spüre deine Füße auf dem Boden.
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Atme bewusst ein und lass beim Ausatmen die Schultern etwas sinken.
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Benenne still drei Dinge, die du gerade wahrnimmst. Das kann ein Geräusch sein, ein Geruch oder das Gefühl deiner Kleidung auf der Haut.
Mehr braucht es oft nicht, um den Moment zu betreten – und für einen Augenblick aus dem Gedankenkreisen auszusteigen.
Achtsamkeit ist kein „Dauerzustand“ und kein neuer Punkt auf der To-do-Liste.
Es geht nicht darum, den Kopf komplett abzuschalten, sondern ihm zu zeigen: „Du darfst mal Pause machen.“
Manchmal reicht es, wenn wir für ein paar Atemzüge da sind. Diese Momente können sich mit der Zeit ausweiten – und vielleicht merkst du irgendwann, dass der Tag nicht nur vorbeirauscht, sondern
auch Platz für dich hat.